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Musik & Medien

Behindertensport in den Medien

Warum die Paralympics immer noch in der Medienpräsenz hinterher hinken. Dazu ein Interview mit dem ARD und ZDF-Paralympic-Chef Peter Kaadtmann. Von Thomas Lipke.

 
 

Sie waren wieder einmal schön, die Olympischen Winterspiele 2014. Fast vergessen, dass der Austragungsort direkt am Meer lag und eigentlich gar nichts mit dem kalten grauen Wetter zu tun hatte sondern mit Sonne und Strand.

Nun erwartet der Ort noch einmal ein paar Tage „großen Sport” hautnah - die Paralympischen Winterspiele, also die Olympischen Spiele für Menschen mit Behinderung. Die öffentlich-rechtlichen TV-Sender ARD und ZDF haben viel von den Olympischen Spielen berichtet. Wie wird sich die Übertragungszeit bei den Paralympics und auch bei zukünftigen Behindertensport-Events gestalten? In wieweit unterscheidet sie sich? Fragen denen wir uns gestellt haben. Dabei war das Wintersport Großereignis nur ein guter Aufhänger.

Die Paralympics oder eher gesagt der gesamte Behindertensport hat in den letzten Jahren zunehmend mehr Bühne im Fernsehen bekommen. Für möglich gehalten hätte das wohl vor noch ein paar Jahren niemand.

Wer sich die Olympischen Winterspiele öfters angeschaut hat, der wird gemerkt haben, dass eigentlich von morgens bis abends aus Sotschi gesendet wurde. Wir haben uns das Infomaterial der ARD und dem ZDF zu den Paralympics angesehen und festgestellt, dass jeden Tag Live aus Sotschi berichtet wird. Doch nicht so, wie viele Interessierte Zuschauer sich das vielleicht vorstellen. Hierzu ein Vergleich: Olympia dauerte 17 die Paralympics werden 11 Tage dauern. ARD und ZDF haben zusammen 240 Stunden im TV und 40 Stunden im Internet von Olympia übertragen, bei den Paralympics werden es gerade mal 16 Stunden und 35 Minuten sein, obwohl jeden Tag gesendet wird. Eröffnung und Abschlussfeier sind hierbei mit einbezogen. Internet-Livestreams wird es bei den Paralympics nicht geben.

Klingt nun erst mal wenig, ist aber im Vergleich zu den Jahren zuvor schon eine deutliche Verbesserung. Allerdings muss man zu dieser Frage auch fairerweise einräumen, dass sich leider weitaus weniger deutsche Sportler für die Paralympics qualifizieren konnten, als man das bei den beiden Sendeanstalten erwartet hätte. Unter diesen Umständen ist es ja fast schon wieder beachtlich, wie viel immer noch übertragen wird von ARD und ZDF.

Worauf besonders „das Zweite“ stolz ist, wie aus dieser Email an unser Magazin auf Nachfrage, der Presseabteilung zu entnehmen ist: "Der Behindertensport hinkt nicht hinterher, sondern ist so präsent wie nie bei ARD und ZDF - und zwar nur bei diesen zwei öffentlich-rechtlichen Sendern!"

Natürlich, über andere Sportkanäle wie z.B. Eurosport werden die Paralympics noch gar nicht übertragen. Und im Vergleich zu anderen Nationen im Bezug auf die Übertragung der Paralympischen Spiele befindet sich Deutschland an der Spitze.

Doch trotzdem, warum ist noch immer keine Gleichheit gegeben? Liegt es vielleicht sogar an uns, den Zuschauern? Es ist unbestritten, dass die Olympischen Spiele die Zuschauer mehr vor die „Flimmerkiste" locken als die Paralympics.

Darüber habe ich mit Peter Kaadtmann, dem Paralympics-Chef von ARD und ZDF gesprochen:



k50 // Warum hinken die Paralympics in der Berichterstattung immer noch so stark hinterher?


Peter Kaadtmann: Sicherlich ist es in der Tat so, dass die Paralympics, gemessen an der Gesamtlänge der Übertragungszeit stark benachteiligt werden. Was aber zum einen auch daran liegt, dass wir bei den Winter-Paralympics weitaus weniger Sportarten im Programm haben als bei den Sommerspielen, nämlich nur den Alpinen Skilauf (erstmals mit Snowboard), den Nordischen Skisport (Langlauf und Biathlon), Schlitten-Eishockey und Rollstuhl-Curling. Ein weiterer Punkt ist, dass sich bedauerlicherweise extrem wenige Deutsche Sportler qualifizieren konnten. Wir hatten beim Eishockey unsere Mannschaft fest eingeplant. Diese fällt durch eine verpatzte Qualifikation nun weg.

Zum anderen geht es natürlich bei außerordentlichen Live-Events, die das normale Programm ersetzen sollen, auch immer um die Wichtigkeit und damit verbunden die Frage, ob es die Zuschauer interessiert. Letztlich also, ob wir mit einer Übertragung mehr Menschen erreichen als mit der eigentlich an dieser Stelle gesetzten Sendung. Das gilt allerdings ebenso für jede extra ausgestrahlte Sportübertragung wie auch andere außerplanmäßige Ereignisse. Wir müssen immer im Blickfeld behalten, wie weit wir kurzfristig das Programm umgestalten können. Zum Beispiel kommt es durchaus an den Wintersportwochenenden, an denen wir quasi von morgens bis abends Sport senden, vor, dass Zuschauer bei uns über zu viel Sport an diesen Tagen beschweren. Daran müssen wir uns eben auch orientieren.

k50 // Sind die Zuschauer zum Teil auch selbst daran schuld, dass noch nicht so viel von den Paralympics gesendet wird, weil der „Zahler“ es noch nicht stark genug annimmt?


Peter Kaadtmann: Ganz klar ist, dass die Paralympics bei weitem noch nicht so großes Interesse erregen wie die Olympischen Spiele. Der Vorschlag, die Paralympischen Spiele gegebenenfalls mit Olympia zu kombinieren, ist organisatorisch nicht realisierbar. Außerdem haben sich sowohl das Internationale Olympische Komitee (IOC) als auch das Internationale Paralympische Komitee (IPC) dagegen ausgesprochen. Auch der Vorschlag, die Paralympics vor Olympia auszutragen, wurde gleichermaßen abgelehnt. Von daher gibt es da im Moment keinen weiteren Möglichkeiten,die Aufmerksamkeit anzuheben.

k50 // Wird es in Zukunft mehr Übertragungen des Behindertensports geben?


Peter Kaadtmann: Das haben wir natürlich immer im Hinterkopf, jedoch muss ich auch direkt sagen, dass momentan keine Live-Übertragungen einer WM oder EM geplant sind. Für den Sommer ist allerdings eine Zusammenfassung von den Europameisterschaften der Schwimmer in der Prüfung. Auch das hat wieder im entfernteren Sinne etwas mit dem Zuschauer zu tun. Ein Vergleich: Ich kann jedes Fußballspiel übertragen, weil fast jeder entweder die Mannschaft oder verschiedene einzelne, herausragende Spieler kennt. Beim Rudern indes wird es schon schwieriger. Den Deutschland-Achter mag man noch kennen aber beim Vierer ohne Steuermann wird es kritisch. Nun kommt das grundlegende Problem beim Behindertensport: Wie stark ist das Wissen über einzelne Athleten verbreitet? So gibt es wenige, zumindest außerhalb der Paralympics, die an sich schon einen besonderen Stellenwert genießen, mit dem Sie sich identifizieren können. Folglich ist und wird es enorm schwierig, den Behindertensport populärer zu machen. Es kennen manche vielleicht Oscar Pistorius (jetzt leider auch durch die unrühmliche Tötungsaffäre), aber schon bei den sehr erfolgreichen Deutschen Heinrich Popow oder Marcus Rehm sieht man schon Fragezeichen auf der Stirn. Aber natürlich arbeiten wir daran, dies zu ändern. Das jedoch ist ein langer Prozess.

k50 // Danke für das Gespräch

 
 
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