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Leute & Leben

Süchtig nach dem Smartphone

Wie abhängig sind wir von unseren Handys? Interview mit Susanne Giese vom SuchtPräventionsZentrum Wachst du morgens auf und dein erster Blick geht aufs Handy? Dann geht es dir wie uns. Wir greifen sofort zum Handy und gucken, ob neue Nachrichten da sind. Dann schreiben wir erst mal mit ein paar Leuten: mit unseren Geschwistern, mit Freunden. In der Schule sind wir nie am Handy, weil es nicht erlaubt ist. Eigentlich. Aber manchmal machen wir es dennoch. Gleich nach Schulschluss wird das Handy wieder rausgeholt und gecheckt, was sich Neues bei Instagram, Snapchat, Whats App, Facebook, KICK, Skype … getan hat. Unser Taschencomputer ist überall dabei und wird über den Tag verteilt häufig benutzt. Auch nachts kurz vor dem Einschlafen tippen wir auf dem Handy noch Nachrichten. Sind wir nun süchtig? Um das zu klären, haben sich die h20-Reporter Freya Hüntelmann, Luiza Melanchthon und Vincent Brodmeier mit Susanne Giese, einer Expertin vom SuchtPräventionsZentrum (Landesinstitut für Lehrerbildung und Schulentwicklung) unterhalten.

 
 
h20: Was ist Sucht?
Susanne Giese : Es gibt verschiedene Definitionen von Sucht. Schwierig ist es zu erkennen, wann die Sucht anfängt. Ärzte verwenden fünf Kriterien: 1. Entzugserscheinungen: Man ist nervös oder schlecht gelaunt, wenn man das Mittel nicht mehr hat.2. Dosis-Steigerung. Beispiel Alkohol: Anfangs reicht einem ein Glas Sekt, um angenehm beschwipst zu werden, dann braucht man zwei, dann drei und am Ende eine ganze Flasche Rum. Oder bei Computerspielen: Am Anfang spielt man nur eine Stunde, dann mehr und mehr, bis man den ganzen Tag spielt, ohne es zu merken. 3. Kontrollverlust: Man will nur mal schnell aufs Handy schauen und plötzlich ist doch wieder eine Stunde vergangen, ohne dass man etwas für die Schule getan hat.4. Leid: Raucher zum Beispiel, die nicht rauchen wollen, weil es stinkt und zu teuer ist, leiden darunter, dass sie nicht aufhören können. Das heißt also, man selbst oder andere leiden darunter, aber man kann es trotzdem nicht ändern. 5. Fixierung auf das Mittel: Raucher oder Alkoholiker denken z.B. den ganzen Tag, auch während der Arbeit, wann sie wieder rauchen oder trinken können. Und andere können ohne ihr Handy nicht aus dem Haus gehen.Um festzustellen, ob jemand süchtig ist, müssen mehrere dieser Kriterien über einen längeren Zeitraum andauern. Ansonsten könnte es sich auch nur um eine Phase handeln.
h20: Ich habe ein Protokoll erstellt, in dem ich notiert habe, wie oft, wie lange und warum ich am Handy war. Was halten Sie davon?
Susanne Giese : Das ist ein guter erster Schritt, sich erst mal klar zu machen, wie lange man am Handy ist.
h20: Gibt es denn überhaupt die Sucht nach dem Smartphone?
Susanne Giese : Es ist noch nicht als Sucht definiert worden, aber es gibt ein sehr problematisches Internet-Verhalten. Vor 5-6 Jahren gab es nur Handys zum Telefonieren oder Simsen, die waren nicht ganz so interessant, aber durch das Smartphone kommt man jetzt immer und überall ins Internet.35 Stunden Nutzung in der Woche können ein Zeichen sein, dass das Verhalten problematisch ist, aber entscheidend ist auch, ob auch andere Persönlichkeitsprobleme vorhanden sind. Wenn man relativ stabil ist, Sport macht, Freunde, Familie hat und gerne etwas unternimmt, dann kann es sein, dass man zwar viel im Netz ist, aber trotzdem nicht süchtig ist.
h20: Gibt es Teenager, die zu Ihnen kommen, weil sie selber finden, dass sie zu viel am Handy sind?
Susanne Giese : Das ist ein großes Thema für uns: Wir sind ja hier eine Beratungsstelle für Jugendliche, doch oft kommen gar nicht die Jugendlichen, sondern die Eltern oder Freunde, weil die sich Sorgen machen. Dann beraten wir die Eltern, und vielleicht kommt auch mal das Kind vorbei. Und was Ihr vorhin meintet mit dem selber Wahrnehmen, das ist der allererste Schritt und der ist sehr schwer. Wenn der geschafft ist, ist das schon mal prima!
h20: // Behandeln Sie mehr Erwachsene oder Jugendliche?
Susanne Giese : Wir behandeln ja nicht, wir beraten, es sind bei diesem Thema eher Eltern, die vorbei kommen.
h20: Wir haben kürzlich gelesen, dass es auch ältere Menschen gibt, die Smartphone süchtig sind, aber die meisten sind unter 25 Jahren.
Susanne Giese : // Das Hauptproblem-Alter ist von 15 bis 25 Jahren. Es gibt auch viele Studenten, die Handy-süchtig sind, die zum Beispiel für die Uni recherchieren müssen, sich dann im Netz verlieren und nicht mehr aufhören können.
h20: Was für ein Prozess läuft in unserem Hirn ab, wenn wir am Smartphone sind?
Susanne Giese : Die Hirnforschung ist noch relativ am Anfang, aber es ist klar, dass Abhängigkeit entsteht, weil es im Hirn ein Belohnungszentrum gibt. Wenn du jetzt z.B. eine gute Note geschrieben hast, wird dein Belohnungszentrum aktiviert, das kann man richtig im Gehirn nachweisen. Und wenn man z.B. am Handy ein Bild hochlädt und dann die Leute sagen: „Toll, cooles Bild“, dann wird das Belohnungszentrum auch aktiviert.
 Inzwischen gilt als wesentliches Problem mit dem Handy auch, dass das Gehirn keine Ruhepausen mehr hat: Beispiel: Früher stand man an der Bushaltestelle und musste warten. Das war zwar langweilig, aber das Gehirn konnte entspannen, Sachen verarbeiten und im Langzeitgedächtnis abspeichern. Heute greift man gleich zum Handy und das Gehirn kommt gar nicht mehr zur Ruhe: Das ist Stress fürs Hirn und es kann sich schlechter Sachen merken. Da wäre dann ein Tipp, das Handy weit weg zu legen, also abends z.B. das Handy nach 22 Uhr in die Küche zu legen, damit man dann gar nicht mehr rankommt.“Mittlerweile gibt es auch Restaurants, in denen man das Handy vorne abgeben kann und das Essen dafür ein bisschen günstiger bekommt.
h20: Wenn ein kleines Mädchen, das zwei Jahre alt ist, schon am Handy spielt, ist das gut für das Kind?
Susanne Giese : Wissenschaftler sagen: Möglichst kein Bildschirm vor dem Alter von 2-3 Jahren, also kein Fernsehen, kein Tablet usw. weil das die Gehirne von Kleinkindern überfordert. Für Dreijährige ist eine halbe Stunde Fernsehen oder Tablet okay, sie sollten aber auch nicht alleine gelassen werden, da Bilder Kinder auch erschrecken können.
h20: Wird man nach einer bestimmten Zeit, also z.B. drei Stunden aufs Handy gucken, gleich süchtig?
Susanne Giese : Nein, das hängt auch immer von deiner Person ab, aber man wird nicht „klick-süchtig“. Solange man wieder aufhört, ist alles gut. Man kann auch mal ein ganzes Wochenende spielen, wenn man danach wieder aufhört.
h20: Was kann man selber ohne Hilfe anderer machen, wenn man zu viel am Handy ist?
Susanne Giese : Sich selbst eine Schlusszeit zu setzen, ist super. Oder das Handy aus Sichtweite zu legen. Hilfreich ist es auch, Alternativen in der Freizeit zu finden, z.B. eine neue Sportart anzufangen. Je früher man etwas gegen seine Abhängigkeit unternimmt, umso besser. Und wenn man merkt, dass man das selbst in den Griff bekommt, wird auch das Belohnungszentrum des Gehirns aktiviert.“
 

Info:

Das SuchtPräventionsZentrum (SPZ) am Landesinstitut für Lehrerbildung und Schulentwicklung bietet auch Einzelberatung an. Dorthin kann man sich wenden bei Fragen zum Thema Alkohol-, Nikotin - oder Cannabis-Konsum oder wenn man sich Sorgen um eine Freundin / einen Freund macht, dort wird auch bei einer Weitervermittlung in eine spezialisierte Beratungs- oder Behandlungseinrichtung weiter geholfen.
Am besten anrufen über das Geschäftszimmer unter Tel.: 040- 428842-911.
li.hamburg.de/spz/

 
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