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Kultur

Nackte Füsse auf schwarzer Fläche

Hoch oben mit Blick auf die Dächer Hamburgs. Schwingen, rollen, stampfen, gleiten - mit nackten Füßen wie ein Hippie. Kunst mal ganz anders. Und sogar kostenlos. In den Deichtorhallen hängt seit April das „Horion Field“, eine gigantische, schwarze Plattform, die der englische Künstler Antony Gormley in zwei Jahren Arbeit geschaffen hat. Eine Skulptur, die nicht nur zum Nachdenken, sondern auch zum Erleben und Mitmachen animieren soll: anfassen, betreten ausdrücklich erlaubt. Lediglich den Namen gilt es, beim Eingang zu hinterlassen, da Gormley wissen möchte, wer wie oft das Horizon Field besucht. Noch bis Anfang September ist die 1.000 m2 große, spiegelnde Fläche zum Betreten geöffnet. Ob ein Besuch sich lohnt, sagen euch die h20-Reporterinnen, die einen Schritt auf das schwingende Feld gewagt haben.

 
 

Lea:

Surreal hängt das Horizon Field im Raum. Ein bisschen schwerfällig und doch irgendwie elegant schwebt es und als ich auf der Brücke, dem Übergang zu dieser anderen Welt stehe, habe ich plötzlich Angst, ins Leere zu fallen. Die schwarze Fläche vor mir spiegelt alles wieder: die Decke, die Fenster, mich ... Wie ein geschlossener Kosmos breitet sie sich vor mir aus. Erster Schritt - erstaunlich sicher läuft es sich. Menschen liegen, sitzen, stehen und laufen. Manche Exoten rollen sich sogar, wie von allen guten Geistern verlassen, über die Fläche. Irgendwie sind wir hier alle anders. „Man kann das Ganze doch zum Schwingen bringen?“ Die anderen h20-Workshop- Teilnehmer und ich stellen uns in die Mitte der Fläche. Eins, zwei, drei Schritte nach vorne; Eins, zwei, drei Schritte nach hinten. Immer und immer wieder. Und tatsächlich, wir schwingen. Ein bisschen seekrank fühle ich mich oder betrunken oder verliebt. Irreal, surreal, unreal - ganz egal, irgendwie trifft alles zu. Ich unterhalte mich, über Gott und die Welt, das Leben. Über Schönes und weniger Schönes. Vielleicht auch über Krieg und Frieden. Als ich das „Horizon Field“ wieder verlasse, fühle ich mich, als erwachte ich aus einem Traum.

Merle:

„Schuhe bitte ausziehen.“ Das müssen alle, um aufs Horizon Field zu kommen. Über eine Treppe gelangt man auf eine riesige, schwarzglänzende Platte. Etwas Angst macht sich zuerst breit, denn es gibt kein Geländer. Man ist sozusagen in der Luft. Die Platte hängt nur an Stahlträgern, die knacken, wenn man das Horizon Field zum Schaukeln bringt. Das geht, aber dazu braucht man viele Menschen. Schaut man auf das schwarze Feld, spiegelt es sich etwas und man erkennt sich selber. Hinsetzen und reden, das war schön auf der riesigen Schaukel, wie sie mir in Erinnerung bleibt. Oder umhergehen. Es stimmt, dass diese Kunst Menschen auf eine Art zusammenbringt. Mich hat sie auch mit mehreren Menschen auf positive Weise zusammengebracht, mit denen ich auf der Straße nie ein Wort gewechselt hätte. Wenn auch nur für 10 Minuten. Ich habe mir immer unter Kunst, Malereien und Skulpturen vorgestellt und auch so erlebt. Aber durch das Horizon Field ist mir wieder der Spruch: „Kunst liegt im Auge des Betrachters“ eingefallen. Ich finde, das Horizon Field ist auf jeden Fall einen Besuch wert.

Anna:

In der Erzählung der h20-Workshop-Leiter klingt die Beschreibung des Horizon Fields so gigantisch, dass ich es kaum abwarten kann, es zu sehen. Doch betritt man die große Halle, hängt dort eben „nur ein großes Ding von der Decke“ herunter, was ziemlich ernüchternd scheint. Kunstinterpretation hin oder her. Doch der Aufstieg lohnt sich. Denn plötzlich bewegt sich die große Fläche, nachdem man Leute anspricht, die mitmachen. Rumspringen, rumtollen, rumrollen. Und das Sicherheitspersonal lässt es passieren. Es macht Spaß, sich einig zu werden mit den neu gewonnenen Freunden und sich im Einklang zu bewegen. Niemand dort oben sieht traurig oder enttäuscht aus, allenfalls gedankenversunken. Alles schwingt und bewegt sich. Und auch wenn es nur eine schwarze Fläche ist, das Gehen ist besonders auf ihr, ein tolles Gefühl – wie Schweben. Händeschütteln mit fremden Menschen, die man gerade erst kennengelernt hat, nie wiedersehen wird. Man verlässt die alte Markthalle mit einem Lächeln auf den Lippen, sich auf den nächsten Besuch freuend.

 
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